Stay City

Es ist Sonntag und die Stadt so grau wie alle Mäuse dieser Welt zusammen. Endlich, ist man versucht zu sagen, erfüllt sie die Erwartungen.

Wie immer am Wochenende ist die Innenstadt auch heute überschwemmt von Touristen. Was machen die eigentlich alle hier?  Und dann beschweren sie sich auch noch die ganze Zeit (irgend etwas ist zu Hause immer besser, und in der Tube ist es eh viel zu heiss, verdammt nochmal) und straucheln grösstenteils sowieso alle nur verwirrt durch die Stadt. Aber sie gehören genauso zu London wie die 83 Restaurantketten, welche langsam aber sicher das Stadtbild uniformieren. Man kann sich hier einen Sport daraus machen, irgendwo (wirklich irgendwo, nicht nur in der Innenstadt) in ein hübsches Kaffee, ein nettes Restaurant oder ein trashiges Pub zu sitzen und darauf wetten, ob das Lokal einer Kette angehört. Ich habe mich zwar inwzischen daran gewöhnt, kann mit fast reinem Gewissen ein Sandwich in einem netten kleinen perfekt thematisch dekorierten Tapas-Laden essen, obwohl ich weiss, dass jemand zwei Strassen weiter genau dasselbe Sandwich im genau gleichen Ambiente verdrückt. Aber verstehen tut man es trotzdem nicht. Ausgerechnet die Londoner, die sich sonst keine einzige Möglichkeit zum Demonstrieren der eigenen Individualität entgehen lassen, sind kulinarisch absolut gleichgeschaltet. Deshalb sollte man jede Entdeckung eines unabhängigen Gourmettempels mit einem extra grossen Festmahl und einem anständigen Trinkgeld an den bestenfalls extremly handsome Kellner feiern.

Und vielleicht gerade weil die eigenen Erwartungen nun erfüllt sind, fühlt man sich sehr zu Hause. Die Pancakes zum Frühstück schmecken besser denn je, die Gummistiefel passen, die Cracker sind knusprig. Die Halbzeit ist erreicht und wenn man in dickem Pulli und Schal sein Geschirr in die Abwaschmaschine einräumt, denkt man manchmal daran, dass man ja eigentlich aus diesem Paralleluniversum ohne Geschirrspüler stammt und bald wieder dorthin zurückkehren muss.

Ps.: Es dunkelt jetzt um halb fünf ein, ich will gar nicht daran denken, dass die Wintersonnenwende noch über einenhalb Monate entfernt ist. Vermutlich werden sie bald die Weihnachtsbeleuchtung einschalten, die schon seit 4 Wochen bedrohlich über der Oxford Street hängt.

This entry was written by zmy, posted on October 31, 2011 at 7:33 pm, filed under Zoë aus London. Leave a comment or view the discussion at the permalink.

Shooting Star

Normalerweise würde ich nicht daran denken, an einem Hügel oder 15 Minuten von der nächsten Busstation entfernt zu wohnen. Aber in London, der Stadt am Strassenrand parkierten Maybachs vor den Stadtwohnungen, muss man als verwöhnte Zürcherin so seine Kompromisse eingehen, sodass nun plötzlich beides wahr geworden ist.

Und nach zwei Wochen und ein paar Nachhausewegen erwischte ich mich gestern doch tatsächlich dabei, wie ich auf dem viertelstündigen Nachhauseweg gespannt Ausschau nach Fröschen und meinem Lieblingsfuchs hielt und mit dem Kopf im Nacken in den Himmel gestarrt habe, während ich tatsächlich ins schlendern geriet. Am Wochenende hatte ich nämlich schon eine Sternschnuppe gesehen, während die ewig beleuchtete Stadt in meinem Rücken still orange-rosa vor sich hin glühte. “Fange ich etwa an, meinen Heimweg zu mögen?” fragte ich mich dann. Aber als ich dann heute mit einer Sporttasche (denn hier geht man ins Uni-Fitness), einer Einkaufstasche (gefüllt mit erstaunlich geniessbaren Mikrowellenmenüs) und einem Schirm im schüttenden Regen nach Hause stolperte, klatschte mir die kaltnasse Wahrheit ins Gesicht. Nein, ich mag meinen Nachhauseweg nicht. Er ist zu lang und zu steil. Aber er hat viel Potential. Und ich hoffe trotzdem, dass ich mir weiterhin eine Wohnung im flachen und gut vernetzten Zürich leisten kann und ich nie, nie, auf den Züriberg ziehen muss.

Ps. Der Bus, der mich in die Stadt und zurück bringt, ist natürlich ein roter Doppeldeckerbus, in welchem ich im oberen Stock zuvorderst sitze und ungläubig die Aussicht geniesse. Ich erschrecke immer noch sehr oft und meine, wir würden mit einem entgegenkommenden, auf der falschen Seite fahrenden, Auto zusammenstossen oder wir würden in den superengen Strassen einen Kerichtabfuhrwagen rammen. Bis jetzt ist aber nichts passiert.

 

This entry was written by zmy, posted on September 28, 2011 at 9:21 pm, filed under Zoë aus London. Leave a comment or view the discussion at the permalink.

Ankommen

Es ist Sonntagabend, “Halb zwölf meine Zeit”. Wie unendlich weit gereist man sich fühlt, wenn man auf einen Zeitunterschied hinweisen kann. Eigentlich bin ich überhaupt nicht weit gereist. Ein paar Kilometer nach Norden, einige in den Westen, über einen grossen Kanal und schon war ich da. Letzten Dienstag kam ich an. Mit wenig Gepäck, wenig Erwartungen und einzig einer Adresse im mir damals noch geheimnisvoll klingenden Stadtteil “Highgate”.

Meiner Meinung nach ist “Stadtteil” für Londons Stadtteile eine komplette Fehlbenennung; vielmehr erscheint mir London nach meiner ersten Woche als eine grosse Patchworkdecke aus lauter kleinen Dörfern. So zum Beispiel auch Highgate Village, wo ich wohne und wo ich bei einem meiner Spaziergänge tatsächlich schon eine Kreuzung gefunden habe, von welcher aus man die ganze pulsierende “Down Town” überblicken kann. Und wenn man da so runterschaut, erscheint es einem ziemlich unmöglich, dass man in der selben Stadt wie David Cameron wohnt.

Highgate bietet nicht nur einen der höchsten natürlichen Punkte in der Stadt, sondern grenzt, zufälliger- und glücklicherweise gerade mit der Strasse an der ich wohne, auch direkt an Hampstead Heath, den zweitgrössten Park der Stadt. Gut, das hat mir zwar in den Anfängen (vor dem Besuch der Apotheke) grössere allergische Beschwerden beschert, aber so ein Sonnenuntergang, der einen ganzen Park in goldenes Licht taucht, ist eine wunderbare Wiedergutmachung. Denn ja, ich kann einen solchen Sonnenuntergang von meinem Zimmer aus bestaunen.

Aber um nur im Zimmer zu hocken und dem Sonnenuntergang zu frönen, war die vergangene Woche für Londoner Wetterverhältnisse dann doch eine viel zu schöne. So hab’ ich meine Siebenmeilenturnschuhe angezogen und bin gelaufen, weiter gelaufen und noch weiter gelaufen. Die Spaziergänge waren wunderbar, Backsteinhäuser, die grossen und die kleinen Parks, der Fluss und viele Märkte zogen nur so an einem vorbei, während man sie gleichzeitig in sich aufsog. Allerdings bleibt nach fünf solchen im wahrsten Sinne des Wortes “vergangenen” Tagen nur die Erkenntnis, dass die Stadt einfach unendlich gross sein muss, wenn man sie immernoch nicht ansatzweise ganz gesehen hat. Wird man sie je gesehen haben?

Ps. Ich musste beim Kaufen einer Schere (mit ca. 6 cm langen, vorne abgestumpften Klingen) meine ID zeigen.

 

This entry was written by zmy, posted on September 19, 2011 at 11:08 am, filed under Zoë aus London. Leave a comment or view the discussion at the permalink.